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Zürich 2
15.09.2022
15.09.2022 08:46 Uhr

Stiftung für Senioren feierte 100. Geburtstag

Bewohner erhielten zum Fest einen Strohhut.
Bewohner erhielten zum Fest einen Strohhut. Bild: Jeannette Gerber
Die Johann-Heinrich-Ernst-Stiftung kaufte 1922 ein Haus an der Rämistrasse für ein «Greisenasyl». Inzwischen befindet sich das Heim für Männer im Kreis 2 und lud anlässlich des Jubiläums Angehörige, Freunde, ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Quartierbewohner zu einem Fest.

Jeannette Gerber

Die nahe beim Friedhof Manegg im Grünen gelegene Johann-Heinrich-Ernst-Stiftung wurde vom Sohn des Inhabers der Tuchfärberei «zur Schleife» in Winterthur ins Leben gerufen. Der 1840 geborene Johann Heinrich Ernst arbeitete 10 Jahre als Buchhalter für das appenzellische Handelshaus Niederer in Djakarta, Indonesien. Als Miterbe der Tuchfabrik und dank seiner langjährigen Tätigkeit in Indonesien ist er als vermögender Mann in die Schweiz zurückgekehrt, war aber gesundheitlich angeschlagen und starb bereits 1899 mit nur 59 Jahren.

Hausdame führt Heim für Männer

Stiftungsratspräsident Stefan Sip erzählte: «In seinem Testament sah Ernst 82 Prozent seines Vermögens für ein, wie er es nannte, ‹Greisen­asyl› vor, das seinen Namen tragen solle. Die 306 000 Franken reichten aber nicht, um seine Vision eines Heims für Männer umzusetzen. Das Geld wurde infolgedessen gewinnbringend angelegt, bis im Jahr 1922 ein Haus an der Rämistrasse gekauft und das Heim eröffnet werden konnte.»

Eine Kopie seines handschriftlichen Testaments von 1898 ziert eine Wand in der Stube des Heims, vergrössert und lesbar für alle. Übrigens ist Stefan Sip ausgebildeter Hochseekapitän und fuhr viele Jahre ­zur See, bevor er Stiftungsratspräsident wurde. Heute arbeitet er als Biograf.

Eine weitere von Ernst testamentarisch festgelegte Bedingung war, dass das Heim von einer Hausdame geführt werden müsse. «Ein Fräulein Müller war die erste Leiterin. Sie arbeitete für ein Jahresgehalt von 3000 Franken plus ‹freie Station›, wie freie Kost und Logis damals hiess», berichtete der Präsident weiter.Auf die Frage, was für Männer das Haus beherberge und wer sie vermittle, meinte Renata Jäger, seit Anfang 2021 Leiterin der Stiftung: «Es sind alleinstehende, pflegebedürftige, altersschwache, zerbrechliche oder alkoholabhängige Männer.

Sie werden uns durch Beistände, die Kesb, durch Spitäler und die Sune- Egge vermittelt.» Das Heim nimmt inzwischen auch jüngere Männer auf. Der älteste Bewohner ist 93 und der jüngste 35 Jahre alt. Es sind insgesamt 24 Männer, die von einer 32-köpfigen Belegschaft betreut werden.

Strohhut ist Logo für das Heim

Zum 100-jährigen Bestehen lud die Johann-Heinrich-Ernst-Stiftung Angehörige, Freunde, ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und Quartierbewohner zu einem Fest mit Apéro, begleitet von gluschtigen Häppchen, und schliesslich zum frühen Znacht ein. Die Leitung hat sich dabei eine nette Geste ausgedacht: Allen Bewohnern und Mitarbeitenden wurde ein Strohhut geschenkt. Das hat einen Grund: Der Strohhut mit Band – ganz Maurice Chevalier – ist gleichzeitig das Logo für das Heim. Die Bewohner wirkten allesamt wie Gentlemen, und das vorwiegend weibliche Personal erhielt einen fröhlichen Touch.

Selbstverständlich durften Irena Daszczyk, die 1996 bis 2016 während 20 Jahren Hausdame war, und die Vizepräsidentin Regina Walthert, seit 2011 im Stiftungsrat, beim fröhlichen Anlass nicht fehlen. Weiter erzählte Renata Jäger, wie sehr die Menschen an diesem Haus hingen: «Da ist zum Beispiel eine Nachbarin, die ihren Ehemann, der bei uns lebte, dieses Jahr verloren hat. Sie kommt immer noch täglich zum Mittagessen.» Bei dieser Gelegenheit wies die Heimleiterin darauf hin, dass auch ältere Quartierbewohnerinnen und -bewohner, die selbst nicht mehr kochen können oder wollen, im Restaurant willkommen seien.

«Mir gefiel es vom ersten Tag an»

Auf Wunsch stellte Renata Jäger der Autorin einen der Heimbewohner vor: Markus Lucci. «Ich begann mit 14 Jahren zu tauchen und wurde Tauchlehrer», erzählte er. «Mit 22 wanderte ich nach Pretoria in Südafrika, aus. Dort lernte ich eine Mosambikanerin kennen und zog mit ihr ins Heimatdorf, in der Nähe der Hauptstadt Maputo.» Die finanzielle Unterstützung seines Vaters ermöglichte ihm, eine Tauchbasis zu eröffnen. «Meine Freundin und ich lebten und arbeiteten während 32 Jahren in diesem Dorf.» Durch einen tragischen Tauchunfall verloren sie ihre 18-jährige Tochter.

Der inzwischen 70-Jährige kehrte letztes Jahr in die Schweiz zurück und hatte Anfang dieses Jahres einen Herzinfarkt. Nach einer Herzoperation und dem Reha-Aufenthalt kam er in der Stiftung unter. Lucci ist vom Heim und vom Team total begeistert: «Vom ersten Tag an gefiel es mir hier sehr gut. Wir sind von ausgesprochen netten Leuten umgeben, ein zuvorkommendes Personal versorgt uns, und wir geniessen das ausgezeichnete Essen», schwärmte er.

  • Irena Daszczyk (l.) war 20 Jahre «Hausdame», Stefan Sip ist Stiftungsratspräsident, und Renata Jäger leitet jetzt das Heim für Männer. Bild: Jeannette Gerber
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  • Auch für Mitarbeitende gab es zum Fest Strohhüte. Bild: Jeannette Gerber
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Jeannette Gerber